Birthday

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Der Pullover

Neulich ging ich ins Theater. Auf Einladung von Lasse, einem jungen Mann, der mir einen langen Brief geschrieben hatte, warum gerade das Sharehaus so interessant wäre für den Abend, und ob ich kommen könnte, etwas erzählen.
Einladungen schlage ich ungern aus und erzählen tue ich gerne. Geschichten, der Treibstoff der Geschichte. Nur welche sollte ich erzählen da auf der Bühne des Deutschen Theaters? Rampensau. Das Wort gefällt mir. Viel Tanzen habe ich mir für die nächsten Jahre vorgenommen, warum nicht im Theater auf die Bühne? Nur welche Geschichte sollte ich erzählen?
Fast unbemerkt ist der erste Geburtstag des Sharehauses vorübergegangen. Im Mai 2014 eröffneten wir das Experimentierfeld Sharehaus in Kreuzberg, die Bühne für den wahren Reichtum eines jeden Menschen. Reichtum, der auf Augenhöhe geteilt werden sollte. Und was für ein Theater es wurde!
Ein Jahr Sharehaus Berlin. Ein Stück mit den irrsten Wendungen, und immer mit aussergewöhnlichen Darstellern. Ein wahres Drama mit Geschrei, Tränen, Lachen. Die Ladenwohnung des Sharehauses unter der schönen Kastanie in der Fürbringerstrasse wurde zur Bühne für Selbstdarsteller, Suchende, gute und schlechte Verrückte, für ganz zarte und leise, und fast immer schöne und von Herzen teilende Menschen. So bunt, dass es mir fast jeden Tag so vorkam, als würden mehrere, völlig unterschiedliche Stücke auf der Bühne gleichzeitig gespielt.
Neulich sassen wir in einer kleinen Besprechung im Sharehaus und aßen dabei, als ein gemütlicher Mann hereinkam, alle begrüßte und sich dann mit einem Teller zu sich setzte. Er hatte weisses Haar, sah gütig drein, sagte er mag Jazz und war hungrig. Als er sich verabschiedete, schenkte er uns eine angebrochene Tüte Kressesamen.
Überhaupt, in Afrika und in Berlin war es das gleiche. Bevor richtig planen konnten, entstand schon das Stück. Wer zur Tür reinkam, war meistens richtig da, und was Gott dieser Person mit auf den Weg gegeben hatte, wurde zum Leben im Sharehaus.
“Was macht ihr denn hier so im Sharehaus?” fragte fast jeder.
“Was würdest du denn gerne hier machen? Was würdest du überhaupt gerne im Leben machen.” Verwirrung. Und manchmal Begeisterung.
In den Sommermonaten sassen wir jeden Tag draussen an unserem Eckladen und grüßten wirklich jeden laut und freundlich. Erst erschraken alle, nach einer Weile aber grüßten sie, bevor wir dazu kamen.
Im Mittelpunkt immer der unentdeckte Reichtum eines jeden Menschen. Für manche Menschen war das ein Schock. Ein Leben lang wurde einem gesagt, was man tun soll, und hier sollte man selbst verantwortlich sein?
Als ich auf die Bühne des Deutschen Theaters trat, legte ich meinen Pullover auf den Boden. Die Bühne war nicht die große Bühne, sondern die Box, Wände und Boden schwarz, auf dem Boden waren mit Klebeband Worte geschrieben wie Optimierung, Weltverbesserung, Lust, Liebe, Freude, Gemeinschaft, Heilung, Reduzierung, Erfahrung.
Was sucht ihr? war die Frage. Im Publikum viele junge Leute. Die meisten stellten sich zu Heilung und Friede, Freude, Lust. Kaum jemand zu Weltverbesserung oder Gemeinschaft.
Der Pullover. Ich lege ihn mitten auf die Bühne, da treibt er im Meer. Man sieht ihn als Bild aus einem Flugzeug im blauen Wasser treiben, vielleicht aus einem Flugzeug, vielleicht auf Google Earth. Wem gehört er? Wer hat ihn getragen? Und wo ist dieser Mensch? War das ihr Lieblingspulli? War das sein einziger Pulli?
Das Sharehaus entstand aus einer Sehnsucht nach mehr. Nicht mehr Konsum oder Sonne, mehr Geld oder mehr Liebe. Sondern mehr Sinn, Erfüllung, Tiefe, danach dürstete uns. Uns wurde, fiel Elke und mir auf, alles längst dafür gegeben. Klassische Selbstfindung, oder? Nicht wirklich. Nicht das Ich suchten wir, sondern wofür wir geschaffen wurden..
In den Jahren in Afrika dämmert und langsam, dass wir in Gottes Ebenbild geschaffen wurden, Frau und Mann, einzigartig, kein Mensch ist wie der andere. Und egal wo wir geboren wurden und wie: Wir sind fehlerhaft, kostbar, irrend, talentiert und göttlich bewundert. Wir sind unverhandelbar und unwiderruflich: von unschätzbarem Wert. Und wir kommen auf die Welt, reich beladen. Und wie viele Menschen nutzen das nicht einmal bis zum Ende eines langen Lebens.
Begeisterung, Solche Sätze kommen gut an. Da nicken fast alle freudig, klingt fast wie Positive Thinking. Verstehen tut jeder etwas anders darunter. Vor allem unter Teilen.
“Kann ich 15 Säcke gebrauchte Babykleidung spenden?”
“Nein, wir haben keine Babys.”
“Oh, aber manche der Sachen sind noch völlig ok! Die werdet ihr sicher los.”
“Nein danke.”
Mitleid ist wie eine Müllhalde.
“Ich finde, ihr solltet einen deutsch-türkischen Treffpunkt machen, bei dem Jugendliche Theater spielen und alte Leute mit Essen vom Foodsharing versorgt werden.”
“Klingt klasse, wann fängst du an?”
“Oh, ich, für so was hab ich echt keine Zeit gerade, aber ihr solltet so was unbedingt machen! Das wäre super für den Kiez!”
Oh! Wie wir uns gehütet haben davor, etwas zu machen, was andere gerne machen würden.
“Wisst ihr was, ich kenne einen Obdachlosen, der könnte bei euch schlafen! Der ist echt nett.”
“ Wir haben keine Betten. Aber wieso kann der nicht bei dir schlafen?”
“Was, bei mir? Ich weiss doch gar nicht, ob der überhaupt irgendwo drinnen schlafen will!”
Schönes Theater! Ich lache, weil es wirklich lustig ist im Sharehaus manchmal. Verrückt wie in einem John Irving Roman. Ganz schwer zu beschreiben, das Zarte, das Leise, das Heilende, das täglich da ist. Wie die jetzt namenlose Frau, die nach Hause gehen musste, weinen, weil sie plötzlich hörte, dass sie wertvoll ist, kostbar, nicht unnütz und schlecht, sondern göttlich geliebt so wie sie ist. Das hatte ihr noch nie jemand gesagt. Oder die Männer, die eines Abends mit uns beim Nachbarschaftsessen sassen. Keiner fragte woher sie kommen, niemand setzte sich weg, wir teilen Essen, Geschichten. Nur einer von uns wusste, dass sie auf der Strasse leben und niemand sie sonst einlud.
Das endlose Sharehaustheaterstück handelt von den Fragen. Den richtigen. Richtige Antworten haben viele. Was willst du denn gerne machen? Was macht dich glücklich? Was macht dir Freude? Was hat dir als Kind Freude gemacht?
Berlin ist nicht nur die Hauptstadt der Partys, Rollkoffer, Startups, sie ist auch die Hauptstadt der Bedürftigen, der Lahmen und Selbstmitleidigen. Wie ein Schock kommt da für viele, dass Gott jeden Menschen begabt und wichtig gemacht hat. Und die Verantwortung gegeben, das eigenes Leben und diese Welt eine weit bessere zu machen.
Auf der Bühne zeige ich einen klaren Feind. Die Selbstoptimierung. Man kann ein Puzzlestück nicht perfektionieren. Allein auf sich gestellt bleiben die Ränder brüchig, egal wie schön die Oberfläche.
Im sonnigen Sharehaus im gemütlichen Kreuzberg fand sich eine lose Gemeinschaft. Manche gingen wieder, andere kamen dazu und jeden Mittwoch wurde zusammen gekocht. Es war wirklich wie auf einer Bühne. Manche erschienen nur kurz, manche nervten, andere fanden Anerkennung, Unscheinbare blühen auf und oft saß ich nur da uns war dankbar. Dankbar für den geteilten Reichtum! Denn in all dem Drama wurde wirklich geteilt, Zeit, Anerkennung, Wertschätzung, Fahrräder, Wissen, Beamer, Geld, Erfahrung, Essen, Geschichten, Liebe, Sehnsucht, Erkenntnis, Gotteserfahrung, Freude, Leid, Kultur, Sinn, W-lan, Ideen, Glück, Sorge, Schönheit, Humor und Raum. Das Sharehaus wurde ein Schutzort, eine Lange Tafel der Gemeinsamkeit.
Irgendwann, das wussten wir, würde die kritische Masse erreicht und die Menschen im Sharehaus würden eine bestimmte Richtung einschlagen. Und so kam es auch.
“Habt ihr irgendwelche Flüchtlinge, für die ich was tun kann?” Wieder stand jemand in der Tür.
“Äh, nö, sorry, gerade haben wir keine da.” So fing es an. Das Sharehaus ist nur die Bühne, und wer angezogen war von der Idee, waren Flüchtlinge und Menschen, die mit ihnen arbeiten und leben wollen.Und dann entwickelte sich die Choreografie ganz schnell von selbst. Unsere Freunde und Träger von der Berliner Stadtmission wollten ein Konzept für ein ganzes Haus mit 5 Stockwerken. Und so schlüpfte aus der bunten Larve Sharehaus Berlin eine schöner Schmetterling, das Refugio. Die Klosterherberge für Pilger, denn die meisten von uns sind Suchende, Weltenwanderer. Im Refugio werden wir vor allem mit Menschen, die flüchten mussten, arbeiten und Gemeinschaft leben.
Der Pullover vom Meer. Er ist nur eine Hülle. Wie das neue Haus. Wichtig ist der Mensch darin und die Gemeinschaft, für die er da ist und in der er auflebt.
Und wieder entpuppt sich das Sharehausprinzip als göttlich wahr. Die Menschen, die fliehen mussten, müssen und wollen mit uns leben. Sie sind durstig nach mehr, wie wir, und sie bringen einen Reichtum, den wir nur entdecken, wenn wir wirklich teilen.
Apllaus, Verbeugung. Spät radle ich durch den dunklen Tiergarten. Die Irrlichter anderer Radfahrer unter den Bäumen. Der Pullover wärmt mich.

Das Refugio öffnet diesen Sommer.

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* all pics from our London trip to citizensuk.org
The sweater

The other day I went to the theater. At the invitation of Lasse, a young man who had written me a long letter, why the Sharehaus would be so interesting for the evening, and if I could come to tell something.
I love invitations I propose I like storytelling too. Stories, the fuel of the history. Just what should I tell while on stage of the Deutsches Theater? Rampensau. A word I like (living out being on stage). Dancing I’ve made up my mind for for the next few years, why not on stage? Just what story should I tell?
Almost unnoticed, the first anniversary of Sharehaus has passed. In May 2014, we opened an experimental stage called the Sharehaus in Kreuzberg, a stage to unveil the true wealth of everyone. Wealth that should be shared on no one higher or lower And what a play it was!
One year Sharehaus Berlin. A play with the craziest twists, and always with exceptional performers. A real drama with cries, tears, laughter. The cornershop under the beautiful chestnut tree in Fürbringerstrasse was a stage for self-promoters, seekers, the crazy in a good way and in a bad way, and for the delicate and quiet, and almost always tender sharing of hearts. All that so colorful that every day seemed to me as we played several, completely different plays on stage simultaneously.
The other day we were in a meeting at the Sharehaus and ate toghether, when a friendly man walked in, said hello to everyone and then sat down with us and took some food. He had white hair, he said he likes jazz and is hungry. When he left, he gave us an opened bag of cress seeds.
Everywhere, in Africa and in Berlin it was the same. Before we really could plan the play already had started. Those who came through the door were usually right there, and what God had given to this person, came to life in the Sharehaus.
“What are you doing in the Sharehaus?” Asked almost everyone.
“What would you do like it here? What would you like to do in life at all?” we replied. Stunned looks. Confusion. And sometimes enthusiasm.
In the summer months we sat outside our corner shop and greeted everybody loud and friendly. Some got a fright, but after a while they greeted even before we could.
Our focus is always the undiscovered wealth of every human being. For some people, that was a shock. Too many are told what to do, and here should be responsible for yourself?
When I stepped onto the stage of the Deutsches Theater, I dropped my sweater on the floor. The stage was not the big stage, but the box, walls and floor painted black, words were written with tape, words like optimization, Improve the world, lust, love, joy, community, healing, reduction, experience.
What do you seek? was the question. In the audience, many young people. Most stood grouped themself to healing and peace, joy and pleasure. Hardly anyone to Improve the world or community.
The sweater. I put it in the middle of the stage, where he floats in the sea. You see it as a from an airplane in the blue water, perhaps in Google Earth. Who does it belong to? Who wore it? And where is this this person? Was that her favorite sweater? Was that his only sweater?
The Sharhaus grew out of a yearning for more. Not for more sun, more money, or more love. But more meaning, fulfillment, depth, thats waht we thirsted for. Elke and me, we started the Sharehaus, because we wanted to know what we are created for.
In Africa it dawned slowly on us that we were created in God’s image, man and woman alike, diverse and unique, no one is like another. And no matter where we were born, we are precious, erring, talented, stumbling and divinely admired. We are non-negotiable and irrevocable: priceless. And we come to the world, richly laden. Sadly so many people do not even use it even in a long life.
These ideas have been well received in the Sharehaus. Almost sounds like Positive Thinking, but isn’t. And some do understand what we say, completely different.
“Can I donate 15 bags of used baby clothes?”
“No, we do not have babies.”
“Oh, but some of the things are still completely ok! You will find people interested. ”
“No thanks.”
Pity is like a garbage dump.
“I think you should create a German-Turkish club, where young can express themselves in drama and old people are supplied by Food Sharing.”
“Sounds great, when can you start?”
“Oh, m, I really got no time for that, but you should absolutely do that. It would be so good for the neighborhood!”
Oh! As how we have kept ourselves form doing what others wanted to do.
“You know what, I know a homeless person who could sleep at the Sharehaus! He is really nice.”
“We have no beds. But why can’t he sleep at your place?”
“What, at my place? I do not even know whether he even wants to sleep somewhere inside! ”
Best of Theater! It’s really funny at the Sharehaus sometimes. Crazy like in a John Irving novel. And almost impossible to describe the tender, the quiet, the healing, that is also taking place every day. The woman who had to go home crying because she suddenly heard that she is valuable, precious, not useless and bad, but divinely loved as she is. Nobody ever told her. Or the men who were sitting one evening at our weekly supper with us. No one asked where they came from, no one was put off, we share food, stories. Only one of us knew that they lived on the street and no one invited them otherwise.
This endless Sharehaus play is about questions. The right questions. Correct answers there are many. What so you like to do? What makes you happy? What inspired you a sa child?
Berlin is not only the capital of parties and startups, it is also the capital of the needy, the lame and self-pitying. What a shock to many that God has made every human gifted and important. And we are all given the responsibility to make life better for ourselves and the world.
There is an enemy on stage: The self-optimization. You can not perfect a piece of the puzzle. You can gloss it, but the edges remain fragile, no matter how beautiful the surface.
In the sunny Sharehaus in cozy Kreuzberg a loose community grew. Some left, others were added, and every Wednesday we cooked together. It was really as if on stage. Some appeared only briefly, some were annoying, others found recognition, the inconspicuous blossomed on many times I just sat there and was grateful. Grateful for the shared wealth! Because in all the drama we really shared time, recognition, appreciation, bicycles, knowledge, projectors, money, experience, food, stories, love, desire, knowledge, experience of God, joy, sorrow, culture, meaning, W-lan, ideas , happiness, care, beauty, humor and space. The house was a refuge, a long table of communion.
At some point, we knew that the critical mass would be reached and the people would take a certain direction. And so it happened.
“Do you have any refugees around I can do something for?” Again someone was standing in the doorway.
“Uh, no, sorry, we haven’t got any right now.” So it began. The Sharehaus is only the stage, and who was attracted by the idea of sharing, were refugees and people who want to work with them and live with them.Und then the choreography developed very quickly on its own. Our friends and supporters from the Berlin City Mission wanted a concept for a whole house with 5 floors. And so out of the colorful caterpillar Sharehaus Berlin a beautiful butterfly emerged, the Refugio.
Refugio, the monastery hostel for pilgrims, because most of us are seekers, pilgrims. In Refugio we will live and work especially with people who had to flee.
The sweater floating in the sea. He’s just a shell. As the new house. Important is the community in it, where it comes to life.
I am glad the Sharehaus principles remain true. We are all valuable. The people who had to flee, want to live and work with us. They are thirsty for more, like us, and they bring a wealth that we only can discover when we really share.
Aplause. Later at night I am cycling through the Tiergartenpark. The flickering lights of other cyclists under the trees. The sweater keeps me warm.

The Refugio opens this summer.

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