beauty

Engl./German

Schönheit

Am Hermannplatz tanzte ein Pole im Nieselregen mit seinem Handy. Er war kurzgeschoren, schlacksig, groß, vielleicht 20. Er trug nur ein weisses T-Shirt in der Kälte und hatte an seinem Rollkoffer ein großes Pappschild: “Ich kome aus Polen und wil nach hauze fahren. Bitte helfen si mir mit tiket.” Hin und her um ihn Leute die hasten, grau, kein so schöner Platz, lärmig, und es ist Ende Januar, wenn alle schnupfen, aber der Pole war fröhlich und tanzte mit einem kleinen Lautsprecher an seinem Handy.
Wie macht er das? fragte ich mich beim Vorbeifahren. Kein Geld, fremd, zu dünn angezogen, ein Bursche vom Dorf irgendwo, der sich den Spass am Leben nicht nehmen liess. Als würde die farblose Wolkendecke aufreissen und die Sonne mit einem kräftigen Strahl mitten auf den Hermannplatz scheinen, auf diesen jungen Mann, der von einer Frau angesprochen wurde, die ihm etwas gab. Ein Splitter himmlischer Freude für mich.
Vor Jahren bin ich aus Berlin geflohen, zu düster wars mir nach Jahren, wie verschwendete Lebenszeit wars es mir vorgekommen. Aber es war nicht nur Berlin nach der Wende gewesen, denn wir kamen zurück, und nicht nur die Stadt, auch ich war verwandelt. Ich hatte das Gras gesucht das woanders grüner ist, und es ist woanders wirklich manchmal grüner. Nur, das saftigste Gras hatte ich entdeckt wo ich es nie vermutet hatte.

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Manchmal während der Meditation im Refugio schält sich die Gegenwart, und wir sinken auf eine tiefere Ebene, als würden wir von der Jacke durch die Haut wie eine Feder sinken bis ins Herz.
Wir sehen unser Gegenüber, aber wir sehen nicht immer das Herz. Augen zeigen manchmal den Quell, das Wasser tief drinnen und manchmal öffnet sich ein Mensch und strahlt ohne jede Furcht. Und nichts kann diese Freude aufhalten. Sie ist ein Strom, der alles mit sich reisst.
Wenn wir im Refugio meditieren, sinken wir oft bis ins Herz. Religion? Is mir egal. In Deutschland illegal? Is mir egal. Geschwätzig und Handy nicht aus? Is mir nicht egal! (Wie Kazim, der für die BVG singt).
Wichtig ist die gemeinsame Stille.
Es braucht Stille. Und in ihr sinken bis ins Herz. Und da drinnen, da unten, ist nicht nur mein, da unten ist ein gemeinsames Herz. Eine Gegenwart und Ruhe. Ein Herz, das nicht poltert und pocht, sondern strömt und uns verbindet. Der endlose analoge Strom, der wie das Internet ein Netz ist von Strömen. Nur kommt dieser Strom aus der Tiefe, einer größeren Quelle, die für den Hastigen nicht sichtbar ist.

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Schönheit. Manchmal geht mein Blick in einem lärmigen Moment in die Tiefe, und ich geniesse die Schönheit, die sich im Moment offenbart. Sie ist da und ich lerne sie sehen. Tiefe. es ist der Moment, in dem manche rauchen, einen Tee trinken, auf ihren Atem achten, ein Mantra sprechen, im Rhythmus der Musik auf göttlichen Flügeln getragen werden. Jeder und jede erfährt sie anders, aber es ist immer die selbe Tiefe. Wie der Erdmittelpunkt immer der selbe ist, egal ob wir uns aus Glasgow zu ihm bohren, oder aus dem auf Koh Tao. Am am schnellsten erreichen wir ihn mit innerer Stille.

 

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Tief innen. Tief unten. Was für ein schönes Geheimnis, was für ein schönes offenes Geheimnis, dass die unveränderliche Schönheit im alltäglichen Moment verborgen liegt.
Sehen lernen. Wir behaupten uns in der Welt durch Stärke, Klarheit, Grenzen. Aber wir sind erst, wenn wir die Tiefe sehen lernen. Die Schönheit, die sich überall um uns herum offenbart. Die Schönheit. Wenn wir sie hören, oft in den Geschichten der Fremden, die zu uns kommen.

Wir meditieren, und wir sind die unterschiedlichsten Personen im Raum. Uns oft fremd, bunt zusammengewürfelt. Wir bräuchten Jahre, um uns wirklich kennenzulernen. Und dann steigen wir hinab in die Tiefe, unter die Oberfläche, in das Herz der Welt.

Wir sinken durch Lärm, wir sinken durch Gedanken. Alles schleudert wie in Zeitlupe und ohne Ton. Gedanken rasen wie Hyperzüge an uns vorbei. Ameisenstrassen voller Überlegungen mäandern über den Waldboden unseres Hirns.
Auch daran sinken wir vorbei. Wir sinken in die Dunkelheit.

Bei Freude dachte ich immer an Licht, an das Licht der Hoffnung, das unbeirrt in die Dunkelheit der Angst und Verwirrung kommt. Aber Gott ist auch in der Dunkelheit. Selbst wenn wir uns in ihr verstecken wollen, sagt David im Psalm 139. Sie ist ihm Licht. Gott, väterlich, mütterlich, allgegenwärtig, jugendlich, freundschaftlich, intim und allmächtig, er ist auch Wolke aus Dunkelheit. Wie eine mondlose Nacht in einem tropisch duftenden Wald. Wie die Leere im All. Nur ist die göttliche Dunkelheit gar kein Mangel. Sie ist. Sie ist Dichte. Energie. Ungehinderte Nähe.
Der Ozean, in den wir sinken, wenn wir meditieren. Der Grund, auf den wir uns, tief unten betten.
Früher dachte ich, solche Beschreibungen sind nur nur philosophisches Geschwätz von Narzisten in Cafés.
Sie sind Erfahrungen. Erfahrungen der Tiefe.

Was mich bis heute wie ein Kind mit wilder Freude im Herzen wundert, ist dass die Tiefe gleich hier ist. Ich bin selbst der Brunnen. Mitten in einem heissen Bus, der zu voll ist, auf einem sinkenden Boot, beim Tanzen oder im Halbschlaf, kann ich in das tiefe Herz hinabsinken und es ist keine andere Welt. Es ist der Welt Quelle. Unerschöpfliche Schönheit.

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Manche sagen, sie finden sich selbst dort. Ihr wahres Selbst, und tanken auf. Das stimmt. Wir sinken auf den Grund des eigenen Brunnens und da ist ein Meer. Unser Brunnen, in der Tiefe dann Gott, aus dem ich schöpfen kann.
Warum lachen die meisten Menschen, die irgendwo eher arm und einfach leben? Sie haben wenig an der Oberfläche, aber unabgelenkt von den Sorgen der Mächtigen und Reichen die Welt zu ordnen und zu beherrschen, haben sie Zeit, haben sie die Muße, haben sie die Langeweile, haben sie den Hunger und die Demut, die kindliche Freude die Tiefe zu suchen.
Wer im Wald nach Holz sucht für das Abendessen. Wer im Schilf steht seit Stunden und auf einen Fisch wartet. Wer in der Nacht aufsteht, um im Morgengrauen mit der Rikscha loszuziehen. Wer die Linie des Horizonts betrachtet und dann die Linie einer Schlafenden zeichnet, kennt sie. Die Schönheit im Moment, das Unerschöpfliche der Schönheit.

Tiefes Leben. Deep space, Tiefsee, Bergquelle. Schweben. Ein Tür in der Wirklichkeit auftun, eine weite Landschaft dahinter. Der Traum tief in der Stadt eine Tür zu entdecken in der Wohnung, die zu noch mehr Zimmern führt. Das ist mehr in der Tiefe. Da ist mehr in der kleinen Wohnung. Es muss mehr geben!

Überall sind sie, diese Moment, wenn sich die Tiefe offenbart. Wie als wir mit Nasib tanzten. Schönheit im Moment, sie kennt es, dachte ich, sah ich. Wir tanzten Dhanto im Refugio Saal. Nasib in strahlendem Rot und Orange, eine goldene Brosche ins Haar gesteckt, barfuss auf dem ollen Teppichboden. In den Musikvideos oben an der Wand tanzten Frauen und Männer in weiter, schöner Landschaft, und alle trugen helle Gewänder, bunte Binden und Gürtel, bewegten sich in glücklicher Trance, weich und zart.
Somalis tanzen sanfter. Es ist eher wie ein Schaukeln von Ähren im Wind, aber auch ein leichtes Schütteln wie von übermütigen Kinder. Und da tanzte Nasib, schwanger, in ihrem Hijab, angespült mit ihrem Mann an diese Ufer, vertrieben, verfolgt, verwundet. Strahlend, aus ihr das tiefe Leben. Nichts kann uns dieses Leben nehmen, dachte ich, nichts diese Schönheit. Denn selbst wenn wir mit unsrem Körper sterben, die furchtbarsten Qualen leiden, selbst wenn wir durch das Tal des Todes gehen, gehen wir an der Hand des Göttlichen. Wir sind selbst in der Dunkelheit verbunden mit ihm, oder ihr, wie man will. Und selbst die tiefste, die furchtbarste Dunkelheit, und auch die schönste, wie die duftende Sommernacht sie ist wie Licht für Gott.

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Beim Meditieren, wenn ich einen schönen Menschen ansehe, den Schnee, der leise fällt, Gras im Sommer rieche, über einen glatten Stein, eine Baumrinde, eine zarte Wange streiche, oder wenn wir gemeinsam zu somalischer Musik tanzen, dann weiss ich, dass es keine Dunkelheit gibt, keinen Wahnsinn und keinen Tod, der mich verschlingen kann. Denn ich, wir alle kommen nicht aus Schottland, Syrien oder Thailand, wir entstammen dem Quell der Tiefe, der alle Brunnen verbindet, der niemals versiegt, und der alles wegwäscht am Ende, jede Träne, Sorge, Angst, weil die Schönheit stärker war und ist und sein wird.

Der junge Pole tanzt im weissen T-Shirt auf dem kalten Hermannplatz. König David tanzt in Verzückung und Unterwäsche. Nasib tanzt in strahlenden Farben. Wenn ich die Augen schliesse, tanze ich barfuss auf der warmen Erde Somalias.

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Beauty

At Hermannplatz a Polish man was dancing in the rain with his cell phone. He had short hair, was thin, big, maybe 20. And he was wearing only a white T-shirt in the cold. A large cardboard sign at his suitcase said: “I kome from Poland and wil go to homeh. Please helps me with tiket. “Back and forth people hurried past him. A gray, unpleasant place, noisy, and it is the end of January, when all have a cough, but the Polis man was merry and danced with a small speaker on his cell phone.
How does he do that? I wondered when passing. No money, foreign, dressed for summer, a boy from the village somewhere. But the colorless clouds broke open and the sun shone with a powerful stream onto the middle of Hermannplatz, and this young man was approached by a woman who gave him some money. Some split moments of heavenly joy for me that lasted.
Years ago, I fled from a grim and grey Berlin after I felt years were wasted. Coming back, not only the city, we also were transformed. I had been looking for the grass that is greener somewhere else. And it really is greener somewhere else sometimes. But the juiciest grass I had discovered where I had never suspected it.

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Sometimes during meditation at the Refugio the present peels off in layers, and we sink to a deeper level, through a jacket, through the skin, light as a feather we fall down to the heart.
We see the other person, but we do not always see their heart. Eyes sometimes reveal the source, the depth of the water, and sometimes a person opens up and shines without any fear. Nothing can stop this joy. Beauty is a river that sweeps everything with it.

When we meditate at the Refugio, we often fall gently down to the heart. Religion? I don’t care. Illegal in Germany? I don’t care. Chatty and mobile phone not switched off? I care! (Courtesy Kazim: Is mir egal …) What counts is silence.
Beauty needs silence. Inner silence. And in her we can sink to the heart. And in there, down there, is not only my, down there is a common heart. A presence and peace. A heart that does not pulse and beat, but that flows and connects us. The endless analog current, as the Internet is a digital network of currents, the common heart is the original current. It’s power comes from the depths, a larger source that is not visible to the hasty.

Beauty. Sometimes in a noisy moment my gaze goes into depth, and I enjoy the beauty that reveals itself at the moment. It is there and I am learning to see. Depth. It is the moment in which some enjoy a smoke, drink some tea, pay attention to their breath, speak a mantra, are carried away in the rhythm of the music on divine wings. Each and every person gets to know the depths differently, but it’s always the same depth. As the center of the Earth is always the same, regardless of whether we drill down to it from Glasgow, or from on Koh Tao.
Mots directly we reach the depth with inner silence.

Deep inside. Deep down. What a lovely open secret that the immutable beauty is hidden in the everyday moment.
Learning to see. We reign our by strength, clarity, drawing borders. But we are only when we learn to see the depth. The beauty that everywhere manifests around us. The beauty. When we hear it speak, so often in the stories of strangers who fled to us.

When we meditate, we are the most diverse people in the room. A wild mix of people, and it would need years to really get to know each other. But together we descend into the depths below the surface, into the heart of the world.

We leave the noise behind, we fall through our thoughts. Everythings is spinning in slow motion and without sound. Thoughts race like hypertrains past us. Ants streets full of thoughts meander through the forest floor of our brain.
The we sink into the darkness.

I was always thinking of God as light, the light of hope that is clear and strong in the darkness of fear and confusion. But God is also in the dark. Even if we want to hide in it, David says in Psalm 139. It is light to him. God, paternal, maternal, omnipresent, young, friendly, intimate and powerful, he is also in a cloud of darkness. Heavy like a moonless night in a tropical-scented forest. As the void in space. Only the divine darkness has no lack. She is. She’s density. Energy. Unopposed intimacy
The ocean into which we fall when we meditate. The foundation of creation, on which we rest our heads.
I used to think phrases like that are only philosophical babble of narcissists in cafes.
They are experiences. Experience of depth.

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Like a child, with wild joy and surprise in my heart, I relaised that the depth is right here. I am at the fountain. In the middle of a hot and overcrowded bus, on a sinking boat, while dancing or half asleep, I can sink down into the deep heart of beauty. It is the world’s source. Inexhaustible beauty.

Some say they find themselves there. That’s true. We can sink to the bottom of our own well and there is an ocean. A fountain in the depths of God, from which I can draw.
Why do most people who live simply and even in poverty often smile.They have little on the surface, and they are undistracted from the sorrows of trying to rule the world, because they are powerless. But they have the time, the leisure, they have the boredom, they have the hunger and humility, the childlike joy the to search for depth.
If you’re looking in the forest for firewood for. Or if you are waiting for a fish in the reeds for hours. If you get up before dawn to to work with your rickshaw. If you are looking at the line of the horizon, and then draw the line of a sleeping man or woman, you know. The beauty of the moment, the inexhaustible beauty.

Deep life. Deep space, deep sea, mountain spring. Hover aboves. A door in reality open up a vast landscape beyond. We have this dream that in our flat or house there is a mystery door, which leads to even more rooms. There must be more in our small world. There must be more!

Everywhere you are, every moment can reveal the depth. As we danced with Nasib to Dhanto in the Refugio hall. Nasib in bright red and orange, a golden brooch plugged into the hair, barefoot on the rugged carpet. In the music video the projector threw at the wall men and women danced in beautiful scenery, and all wore bright robes, colorful scraves and belts, moving in happy trance, soft and tender.

Somalis are dancing gently. It’s like wheat stalks waving in the wind, and a slight shaking, like ecstatic children would do. Nasib dancing, pregnant, in her hijab, washed up with her husband at these shores, stranded, persecuted, wounded. But radiant, from her deep life. Nothing can take away this life, I thought, nothing this beauty. Because even if we die with our bodies, if we suffer the most terrible torments, even if we go through the valley of death, we at the hands of the Divine. Even in the dark we are connected with him, or her, as you want. And even the most profound, the most terrible darkness, and the most beautiful, like the fragrant summer night, is light for God.

While meditating, when I look at a beautiful people, the snow falling softly, smelling grass in summer, touching a smooth stone, a tree bark, a delicate cheek, or when we dance together to Somali music, then I know that there is no darkness there, no madness or death, which can devour me. For I, we all, do not come from Scotland, Syria and Thailand, we come from the source in the depth, which connects all the wells, which never dries up, and washes all away in the end, every tear, worry, anxiety, because beauty was stronger, and is, and will be.

The young Polish man dancing in a white T-shirt on the cold Hermannplatz. King David dancing in ecstasy and underwear. Nasib dancing in bright colors. If I close my eyes, I’m dancing barefoot on the warm earth Somalia.

 

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2 thoughts on “beauty

  1. Thank you for your poetry, your truth. It is inspiration, I will keep it for dark moments – this present of you. With Love Silvia

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