Die Raupe und der Grashalm

Die Raupe und der Grashalm

eng./deutsch

Eine der furchtbarsten Reisen sind die in den eigenen Tod. Und manchmal muss man sie antreten, um zu leben. So wie sich die Raupe verpuppt und vergeht, und dafür ein Schmetterling in die Luft aufsteigt.

Mein Geburtstag fiel mal wieder seit langem auf Ostern, diesmal sogar auf den Samstag an Ostern. Ostern mit Jesus statt Hasen kennen inzwischen alle wieder, nachdem sogar eine Supermarktkette in Deutschland Tod und Auferstehung Jesu ihren Kunden erklärt hat. Ich sah sogar David Cameron seinen britischen Landsleuten von der Pflicht erzählen, sich für verfolgte Christen in der Welt einzusetzen als christliches Land. Schön, und das alles am mystischen Osterfest! Mein Herz macht Sprünge. Vielleicht trifft man sich in Deutschland bald zu Sufipartys, um im Kreis zu tanzen. Und schön wäre Verzückte würden wie die Imame von den Türmen die Schönheit Gottes über Lautsprecher besingen. In den letzten Monaten war das so in Tel Aviv, Istanbul, Amman: die Stadt füllt sich mit heiligem, sanftem Gesang, Menschen bleiben stehen und lauschen, Vögel verstummen, der Blick schweift über den Himmel. Alles um einen herum scheint getränkt von tiefster Bedeutung. Gottes Gegenwart ist in schönen Liedern.

Ich schweife ab. Mein Geburtstag war Samstag zwischen Karfreitag und Ostersonntag, als Jesu Körper tot, aber sein Geist die guten Nachrichten im Reich der Toten erzählte, bevor er am Sonntag wiederauferstand. Tolle Vorstellung, die Seelen dösen vor sich hin wie Rentner in einem Altersheim, plötzlich kommt ein junger Mann rein und klatscht laut in die Hände: “Alle mal herhören! Es geht weiter! Jugend kommt, Himmel auf Erden!” Ja wirklich, kann jemand mal bitte einen Jesusfilm machen, bei dem man auch lacht? Denn bei allem Leiden, Gott hat Humor.

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Schon bei Jesu Tod, als es stundenlang dunkel war und die Erde bebte, sprangen Gräber auf und Onkel, Tanten und Großeltern, die längst verstorben waren, standen verwundert herum. Chaos, Verzweiflung, alle Hoffnung tot, die Stimmung muss grauenhaft gewesen sein, und mittendrin die Wiederauferstandenen, die sich ungläubig abtasteten. Und als Jesus auch wiederaufersteht, rollt ein mächtiger Engel den Grabstein vom Felsengrab und die Auferstandenen klopfen bei ihren Verwandten an die Tür, um mit ihnen Tee zu trinken. Jesus macht es mit seinen Jüngern genauso, uns sie flippen völlig aus. Noch schwerer zu verstehen, dass alle Hoffnung tot ist, ist, dass nach dem Tod neues Leben wartet. Kein Wunder, dass der Grundzweifel am Glauben Christi Auferstehung ist als transzendierter Mensch. Aber ohne die gäb’s keinen Glauben.

Zu sterben ist zu leben. Fand ich schon immer einen nervigen Satz. Dann wurde ich vor Jahren einmal so krank, kein Arzt schien mir helfen zu können, und irgendwo in meinem Innern gab ich auf. Etwas in mir starb. Ambition, Stolz, Ehre, Ansehen, Ego, Trotz. Vor allem starb in mir der ständig rauchende, machende, nie sich festlegen wollende Ungläubige.

Und jetzt wieder, an meinem Geburtstag, denke ich, was muss ich, was müssen wir eigentlich hinter uns lassen? Ich bin ja kein Deut anders als andere. Was müssen wir sterben lassen, damit wir leben können? Schade, dass das kein Schulfach ist, weil es uns auf diese schwierigen Momente im Leben vorbereiten könnte. 10 Klasse Lebenskunde, Projekt Sterben. Die Eltern wären beunruhigt, aber die Schüler hätten einen mystischeren Ausblick aufs Leben. Und vielleicht eine größere Gelassenheit,

IMG_4526Für viele meiner geflüchteten Freunde ist das Sterben ein großes Thema, weil die Welt, die sie verlassen mussten, vergangen ist. Oder weil sie elendig vergeht und stirbt, wie so viel in der Welt, das nicht für die Ewigkeit gebaut wurde. Nur was soll man zurücklassen? Syrien zerbombt. Afghanistan und Somalia unter Terrorherrschaft. Woran soll man sich festhalten, wenn die Heimat verloren scheint? Darf man das alte Leben loslassen, oder eben gerade nicht, weil es so wenig zu halten gibt. Das ist, glaube ich, der größte Kampf unserer geflüchteten Freunde: sie müssen das Alte loslassen. Und so nett wir sie auch hier aufnehmen, die Fremde ist erstmal kein Halt.

An meinem Geburtstag fahren mich ein Freund und sein schweigsamer Cousin in die jordanische Halbwüste und kochen mir Tee auf einem Lagerfeuer. Wir trinken starken, süssen Tee, es regnet leicht, bunte Raupen klettern an vereinzelten Grashalmen hoch. Über jahrtausende gekippte Gesteinsschichten ziehen Bahnen durch braunen Hügeln als wären sie Jupiterringe. Im Dunst in der Ferne Felder, eine Stadt, ein See. Wir sitzen hoch über der Welt, Himmel auf gewölbter Erde, eine antike Landschaft, in die auch Jesus sich schon zurückgezogen hat, um aufzutanken.

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Wieder stirbt etwas. Ich verstehe die Wüstenväter zum erstenmal, ein wenig. Der Rückzug aus der Welt, in die Stille, Gottesnähe. Ich verstehe die Wüste zum ersten Mal als kreativen Ort. Nicht um mich zu finden. Ich bin hier. Aber um das zu finden, was Gott in mir angelegt hat, vor langer Zeit. Was da noch schlummert als Schmetterling, während dieser Teil des Lebens sich langsam verpuppt.

Da ist erstmal keine tiefe Erkenntnis auf dem Hügel, im Regen, mit heissem Tee vom Feuer. Nur dass ich nackt bin. Nackt in der schroffen, großen Einöde, winzig, die Kleider nass, keine Ablenkung, nur rauhe Schöpfung. Es ist schön.

Es heisst, im Alter, oder Älterwerden, wird man endlich man selbst. Vielleicht ist das so. Dabei lerne ich von meinen Freunden, die geflohen sind. Ich kann nicht zurückkehren zu dem, was vergangen ist. Ich muss es aber nicht vergessen, denn es war ein wichtiger Teil meines Wegs. Auch die Menschen auf meinem Weg, sie sind kostbar, diese Begegnungen, gut oder schlecht, sie vergehen nie. Mit ihnen sind wir geworden, wer wir sind. Sterben heisst also nicht vergessen, sondern nur loslassen. Das Temporäre, so schön es war, es darf gehen, denn das Neue, wie der Frühling, der immer wieder kommt, braucht Platz.

Es ist eine verrückte Erfahrung, gerade bei meiner zweiten Reise in den nahen Osten, wo so viel alter Konflikt, Hass und sich Behaupten müssen ist. Gerade hier erfahre ich wieder, dass ich mich vor der Dunkelheit des Todes nicht fürchten muss. Ich kann loslassen. Wir können loslassen.

In der Zeit war eine schöne Geschichte übers Lassen (Arbeiten, Ehrgeiz, Renovieren). Und das werde ich jetzt auch lernen als Macher, als Trunkener dieser Welt, der im Rausch immer etwas Neues schaffen will: Ich kann loslassen.

Arbeit, Ruhm, Anerkennung, Jemand sein, Geld, Schaffen. Eitelkeiten. Auf dem schroffen Berg da oben ist nichts davon, und doch bin ich, bin ich genauso. Da ist nichts falsch am Arbeiten, Verdienen, Anerkannt werden, Schaffen, nur, es ist zweitrangig.

Und so denke ich auch dass wir in Europa loslassen können. Es wird nie wieder so sein wie zuvor, und es ist gut so. Menschen strömen zu uns, die Hoffnung haben und den Tod überwinden. Menschen, die eine mystische Erfahrung machen, die der Wiederauferstehung. Und es ist Gottes kostbarer Humor, dass ausgerechnet die, denen wir zu helfen glauben, die Geburtshelfer unserer neuen mystischen Glaubenserfahrung sind.

Ich frage mich was für eine Art von Schmetterling da kommen wird, aus der Raupe, die auf ihrem Grashalm da im Wind hin-und herschwankt.

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The Caterpillar and the blade of grass

One of the most terrible journeys is into one’s own death. And sometimes you have to take it to live, like the caterpillar has to become a cocoon to ascend as a butterfly into the air.

For the first time for many years my birthday was on Easter, this time even on Saturday at Easter. Easter with Jesus instead with rabbits, we all know that by now after even a supermarket chain in Germany explained the death and resurrection of Jesus Christ to its customers. I even watched David Cameron tell the British people of the obligation to stand up for the persecuted Christians in the world as a Christian country. Wow, and all that at the mystical Easter! My heart is making summersaults. Maybe Germans soon meet at Sufi parties to dance in circles. And imagine some ecstatic would sing like the imams from the towers, singing of the beauty of God. In recent months I heard them in Tel Aviv, Istanbul, Amman, and I loved how the cities were filled with their holy, gentle singing. People stopped and listened, birds fell silent, the eyes turned towards the sky, and everything around you seemed saturated with profound meaning. God’s presence is in beautiful songs.

Loops of storytelling. Back to Easter. My birthday was on the Saturday between Good Friday and Easter Sunday, when the body of Jesus was dead, but his Spirit told the good news in the realm of the dead, before he was resurrected again on Sunday. Imagine that, souls dozing like pensioners in a nursing home, in comes a young man, clapping into his hands “Listen everybody! Life goes on! Youth comes, heaven on earth!” Imagine the commotion! Could anyone make a Jesus film please, that is also funny? Because in all the suffering with us, God has great humor.

When Jesus died it was dark for hours and the earth shook. And some dead jumped up from their graves. Uncles, aunts and grandparents, who were long dead, stood in amazement in their resurrection. Around them chaos, despair, all hope seemed dead, the mood must have been terrible. And then Jesus also was resurrected, a mighty angel rolled the rock from the grave and the party of the resurrected knocked at their friends and relatives to drink tea with them. When the resurrected Jesus met his disciples, they freaked out completely.

Even more difficult to understand than that all hope is dead, seems to be, that after death, there is new life. That is why the biggest doubt about the Christian faith is around the resurrection of Christ as a transcended human being. But without, there’d be no faith.

To die is to live. I found that always an annoying phrase. But then, years ago, I was very sick, and no doctor seemed to be able to help me. Somewhere inside me I gave up. Something in me died. Ambition, pride, reputation, ego. And with it the constantly smoking, overactive doing, never satisfied and always doubting unbeliever.

And here again, on my birthday, I wonder what I need to leave behind? I am no different from others. We all have to ask ourselves: What in us has to die, so we can live? Too bad that this is not a subject in all schools, it could prepare humankind for difficult moments in life. 10th Grade Life Skills, Project: Dying. Parents would be alarmed, but the students would have a mystical outlook on life. And perhaps a greater serenity.

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For many of my refugee friends dying is a big issue because the world that they had to leave, has passed. Or because it still passes miserably and is dying, like so much in the world that was not built to last. But what of your biography can you leave behind ? Syria bombed. Afghanistan and Somalia under a reign of terror. What can we hold onto, if home seems lost? Can we let go of the old life, or can’t we? Because there is so little to hold onto. That is, I think, the biggest fight of our refugee friends: they have to let go of the old. And as much as we receive them in our countries with love, what do they really have to hold on in a foreign country?

On my birthday a friend and his quiet cousin drove me into the Jordanian semidesert and cooked me some tea on a small fire. We drank strong, sweet tea, it was slightly raining and colourful caterpillars climbed some grass stalks. Over millennia rock layers had been tilted to form paths through brown hills as if they were Jupiter’s rings. In haze in the distance there were fields, a city, a lake. We sat high above the world, closer to heaven on an earthy hilltop, an ancient landscape, in which Jesus had already withdrawn to refuel.

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Again, something has to die in my. I do understand the Desert Fathers for the first time, just a little. The withdrawal from the world, in silence, God’s nearness. I understand the desert for the first time as a creative place. Not to find me. I’m here. But to find what God has created in me a long time ago. What still lies dormant in me like a butterfly, while the now old part of life is slowly turning into a cocoon.

There was no deep revelation on the hilltop, in the rain, with hot tea by the fire. Only the realisation that I’m naked. Naked in the rugged, plain desert, me tiny, my clothes wet, no distractions, just rough creation. And it felt good.

It is said that in becoming older, you finally become yourself. Maybe it’s true. I am learning so much from my friends who have fled. That I can not return to what has passed. That I must not forget it, but that it was an important part of my journey. And all the people along the my way, they are precious, all encounters, good or bad, they will never pass. With these encounters we have become who we are. So dying means not to forget, but just to let go. The temporary, so beautiful as it was, it must go, because the new, like spring, needs some space.

It’s a crazy experience, especially at my second trip to the Middle East, where so much old conflict, hatred and selfrighteousnes cripples daily life. Here in the Middle East I can learn again not to fear death. The death of the old. I can let go. We can let go.

In the ZEIT was a beautiful story about letting go (work, ambition, renovating …) I’m going to learn as a doer, as a drunkard of the world, as a noisy creator of things new: that I can let go.

Work, fame, recognition, to be someone, wealth. Vanities. On the rugged mountains up there is nothing of that, and yet I am. I am. Nothing wrong with work, recognition, achieving, enjoying a worldly life, but all that is just secondary.

And Europe. We can let go. It will never be the same again, and it is a good thing. People flee to us who have hope and who overcome death. Many refugees make a mystical experience on their journey, and starting new lives, they know their bit about resurrection. And then it is also God’s precious humor, that of all those whom we believe we have to help, are the midwives of our new mystical experience of the Divine.

I wonder what kind of butterfly there is to come from the caterpillar, swaying gently in the wind on it’s blade of grass.

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4 thoughts on “Die Raupe und der Grashalm

  1. Hallo Sven!

    Dein Beitrag ist einfach wunderbar. Ein Beitrag für die Seele!!

    Er ist bedenkenswert, ich werde ihn noch einmal lesen und darüber nachdenken, was er genau für mich, auch in Bezug auf Flüchtlinge bedeutet.

    Ich wohne in Heidelberg, in einem Stadtteil, der nur am Rande mit Flüchtlingen zu tun hat. Eine Freundin von mir war/ist in der Flüchtlingsarbeit sehr engagiert,

    im Mai heiratet sie. Ammanuel aus Eriträa. Durch ein Wunder, unter vielen Gebeten hatte er seine Abschiebung in letzter Sekunde verhindern können, er saß schon im Flugzeug….

    Er war dann im Kirchenasyl und inzwischen ist er anerkannter Einwanderer.

    Das, was du geschrieben hast, lässt mich in sein Inneres blicken. Danke dafür!!

    Ich wünsche mir, dass unser Freundeskreis ihm mehr und mehr zur Heimat wird.

    Gott ist ein Gott der Beziehung. Mit offenen Armen wartet Er ja auf Jeden von uns. Immer wieder…!

    Heimat bedeutet ja letztlich auch, in Beziehung zu sein. Und der beste Heimatort ist der/das Hei- Land !! Ein schönes Wortspiel!

    Und dieses Hei-Land ist um mich herum und in mir drin. Erstaunlich, unerklärbar, aber fühlbar!

    Halt und Hoffnung, einfach wohltuend.

    In diesem Sinn schicke ich sehr herzliche Grüße nach Berlin,

    ein „Gott anbefohlen“ schreibt dir/euch

    Petra

    _____

  2. Lieber Sven,

    Danke für dein Teilen! Deine Email bewegt mich – und meine Gedanken der letzten Monate verbinden sich mit dir. Sterben ist auch für mich ein großes Thema, weg vom Erfolgsdenken und Hinterherjagen zum Lieben und Dasein. Habe mir ja Ende Januar das Sprunggelenk beim Joggen gebrochen, laboriere noch daran. Lass uns gerne bald mal sehen, mit was Zeit zum Hören.

    Herzlich, vom Meer (sind ein paar Tage an der Ostsee), dein Dirk

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