Fragen lernen

Forschung.blog

Die richtigen Fragen stellen.  

Echte Neugier und kindliches Staunen gehören zum Leben, kluges Hinterfragen und ehrliches Ringen auch. Oft verlernt, werden sie wichtig in unserer Serie im Sharehaus-Lab, in der wir Interviews bringen mit inspirierenden Menschen und von unserem Forschen nach lebendiger Gemeinschaft erzählen. Und all das so, dass es auch praktisch angewandt werden kann. (Alles Neue rund um Sharehäuser in unserem Newsletter). Hier beginnt der neue Blog des Sharehaus-Labs.

Forschung 1

ethik & werte

Was treibt uns an, welche Werte haben wir, und wie wichtig sind eine gemeinsame Ethik und gemeinsame Werte?

Wir glauben, wir haben als Kultur, als Land, als Gesellschaft eine gemeinsame Ethik, wir teilen Werte. Aber die letzten Jahre haben gezeigt, dass wir das nur glauben. Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten, weil Nationalisten die Demokratie untergraben, Präsidenten lügen und Radikale neue Werte definieren.

Wir lebt man zusammen? Unsere verschiedenen Sharehäuser haben einen Reichtum an Erfahrung gebracht, manche lustig wie die im Refugio, als wir basisdemokratische Abstimmungen, Soziokratie, testeten, bis einer der Ankommer entnervt sagte: “Ich will strenge Regeln und Strafen! Ich will nicht Rumreden!” Wenn ich entwurzelt und geflüchtet wäre, würde mich auch nicht gerne stundenlang treffen, weil die Gemeinschaftsküche immer dreckig ist. Klare und oft strikte Hierarchien sind oft nötiger für Gemeinschaften als ich dachte. Vor allem je bunter, desto weniger sollte alles zusammen entschieden werden. Hausbesetzer aus den 80er und 90er Jahren wissen was ich meine.

Gleichzeitig war ich überrascht über die tiefe Ehrfurcht gegenüber dem Leben, die wir lebten, weil der bunte Haufen aus Studenten, Ankommern, Deutschen, Unruhigen, Stillen, Lauten, Muslimen, Christen, Atheisten, Buddhisten und vielem mehr, ein Staunen verlangte. Eine Ehrfurcht vor dem Leben der Anderen. Die kam vor allem von den Ankommern. Wenn man alles verliert, wird das Leben ungemein kostbar. Und wenn man ganz neu irgendwo anfangen will, ist man echt neugierig, weil man die neuen Regeln, die ganze Kultur lernen muß.

Unsere Freunde aus Syrien, Afghanistan oder Somalia haben oft gelacht über unser seltsames Verhalten in Deutschland. Wenn wir uns in den Finger schneiden, schreien wir nicht oder selten. Essen bieten wir auch auch nur einmal und nicht viermal, und manchmal sagen wir einfach Nein, obwohl es unhöflich ist.  Überhaupt, wir sind ein sehr privates, selbstbewusstes, manchmal selbstbezogenes, etwas obrigkeitshöriges und jammeriges Volk, inklusive aller Einwanderergenerationen.

Aber die Bewunderung der Ankommer ist echt, weil wir im Frieden leben, wir für Ordnung sorgen und es so was wie Recht gibt. Nur die Brücke zu echten interkulturellen Freundschaft ist schwer zu bauen. Überhaupt: Gemeinschaft braucht viel Kraft, Leben, Konflikt, inneres Wachsen, Übung. Viele Ankommer sind ratlos wie sie bei uns ankommen können, weil wir über viele Themen nicht so gerne sprechen, über Gott, Familie, Tradition. Dabei fällt ihnen das auch schwer. Wenn wir wie im Refugio begonnen, aber dann doch darüber sprechen, sind die Verbindungen, die Beziehungen tief.

Wir sind auf Paros im Haus eines Freundes. Blick aufs Meer, der Wind weht stark im Winter. Beim Stöbern finde ich Albert Schweitzers “Aus meinem Leben und Denken” und lese fasziniert, was er selbst schreibt. Albert Schweitzer (1875-1965) war ein Universalist, einer der eine riesige Neugier aufs Leben hatte. Er war ein Freidenker, Autor, lehrte Theologie, spielte Orgel und half dabei Bach neuzuentdecken, und studierte nochmal, um als Arzt in Afrika eine Krankenstation aufzubauen.

Fasziniert wie ein großes Kind betrachtete er den Mensch und die Welt und als der erste Weltkrieg ausbrach, begriff er, wie eine so hochentwickelte Kultur so barbarisch werden konnte. Ihm war schon davor unwohl geworden, weil der Fortschritt und die Errungenschaften der europäischen Zivilisation ohne tiefere Ethik waren. Ich übernehme hier mal seine Erkenntnisse für die Gemeinschaft, die das Fundament einer jeden Gesellschaft ist. Schweitzer über Kultur:

“Als die Wesentliche der Kultur ist die ethische Vollendung der Einzelnen und der Gesellschaft anzusehen … Welcher Art aber ist die Weltanschauung, in der universelle und der ethische Fortschrittswille miteinander begründet und miteinander verbunden sind? Sie besteht in der ethischer Welt- und Lebensbejahung.” 

Welt- und Lebensbejahung. Natürlich! Na klar! Was sonst bitte schön? Aber so normal ist sie gar nicht. Wir Menschen leben mit der Entrückung, im Guten wie im Schlechten. Islamisten bringen anderen den Tod, damit sie im Jenseits reich sind. Die Christen des Mittelalter waren mystisch und oft weltfremd, und viele Buddhisten oder Hinduisten praktizieren bis heute Lebensverneinung. Die heiligen Sadhus versagen sich dem Leben, um höher, über dieses Leben hinaus zu gelangen. Die Nazis klauten davon und faselten von der Schönheit der Ruinen ihres Tausendjährigen Reichs und der Endlösung. Nazis heute träumen ebenso von einer mythischen Reinheit durch Ehre und Tod.

In irgendeiner Form leben wir alle Eskapismus,  wir wollen der Welt entkommen durch Drogen, Extremsport, Sex, Geld, Ruhm, Ekstase, Erfolg, die einsame Insel. Die Sehnsucht danach ist richtig. Entrückung in der Meditation ist gut, um sich zu erden im Göttlichen, um den Frieden zu erlangen friedlich in dieser gebrochenen Welt zu leben. Entrückung ist schön in der Kunst, im Tanz, im Freuen, aber um zu leben, im hier und jetzt, und um diese Welt hier reicher zu machen.

Bei uns in Europa brachte die Renaissance wieder die Welt- und Lebensbejahung, die auch Jesus lehrte, im Hier und Jetzt handeln und Gutes tun, für Gerechtigkeit sorgen, für den Frieden aller Menschen. Jesus war radikal, weil er die Ehrfurcht vor jedem Menschen lehrte, gerade für die Verlorenen, die Kranken, Waisen, Witwen und Gefangenen. Im Grunde lehrte er anti-karmisch. Das Leben jetzt ist nicht eine Belohnung oder Strafe deines vorigen, sondern jeder Menschen Leben ist unendlich kostbar. Jetzt, hier und ohne Ausnahme. Das war Mahatma Gandhis Renaissance für Indien.

Die welt- und lebensbejahende Zivilisation der Generation Albert Schweitzers stürzte in den ersten Weltkrieg, der eine noch nie gekannte Menschenverachtung brachte und eine ganze Generation als Kanonenfutter verheizte. Sogar heute sehen wir uns wieder Nationalisten, Holocaustverleugner, Radikalen und Autokraten gegenüber in unserer eigenen Kultur, wo wir doch dachten: Nie wieder.

Gesellschaft, also Gemeinschaft, ist harte Arbeit. Die Syrer, die ich kennenlernte, kamen aus einem Land, dessen Krieg und Gräueltaten Hitler in den Schatten stellen, sagen sie. Und die dann aber wieder eine tiefe Ehrfucht vor dem Leben hatten. Vielleicht gerade deswegen.

Die Ehrfurcht vor dem Leben, von Goethe entliehen, war für Schweitzer der Kern echter Kultur. Zu oberflächlich war die Ethik um die letzte Jahrhundertwende vor dem ersten Weltkrieg, ohne Wurzeln, ohne Leben. Man glaubte sich fortschrittlich. Aber der Fehler war, dass man fortschrittlich sein wollte, und doch nicht mehr wirklich den Menschen und die Welt ethisch vervollkommnen wollte. Und genauso erlebe ich manchmal unsere Kultur der Gegenwart: verwahrlost. Ohne tiefere Ethik.

Aber warum ist das so?

Gemeinschaften gab es seit Beginn der Zeit. Manche leben, blühen auf, andere zerbrechen. Wenn sie nicht von feindlichen Kriegern überrannt wurden, gingen Kulturen daran zugrunde, dass ihnen die ursprüngliche Ethik abhanden kam bei allem äusserlichen Glanz. Den Griechen ging es so, frei, mutig, demokratisch, hatten sie den unschätzbaren Wert des Einzelnen erkannt. Dann verrohten sie in internen Kriegen. Ihnen war die Ehrfurcht vor dem Leben abhanden gekommen. Vor dem eigenen und dem der Anderen.

Unsere Gefahr ist anders. Im Sharehaus Refugio übten wir als Gemeinschaft gemeinsame Ethik und Werte in workshops, wir sprachen über sie, einigen uns, und ich fand, wir versuchten sie jeden Tag zu leben. Es dauerte, aber die Gemeinschaft wurde tiefer und es gelang etwas Ungewöhnliches: Statt nur zur eigenen Kultur zu driften oder mit ähnlich Sozialisierten sich zu befreunden, war da eine echte Neugier und ein Lernen vom Anderen. Das Refugio wurde übergeben und wir merkten schnell, Gemeinschaftskultur kann erlöschen, wenn man sie nicht täglich übt. Und die Übung braucht Anleitung.

Ich staune dass Albert Schweitzer im Elsass alle Ehre aufgab als angesehener Musiker, Gelehrter, Geistlicher zur arbeiten, um im Urwald denen zu dienen, die krank waren. Aber er war nur konsequent als Christ, denn dieses gute Leben ist ein Ringen:

Wir wissen, dass wir alle mit den Verhältnissen um unser Menschentum zu ringen haben und Sorge tragen müssen, den fast aussichtslosen Kampf, den viele in ungünstigen sozialen Verhältnissen um ihr Menschentum führen, wieder zu einem aussichtsvollen zu gestalten.”

Absolut aktuell.

In den USA, las ich, kann jeder 5te seine Miete nicht mehr bezahlen kann. Ganz gewöhnliche Familien landen auf der Strasse. Die gelebte Ethik im kapitalistischen Fortschritt ging schon lange verloren. Die 80er brachten den Neoliberalismus, im Grunde freiheitsbejahend, aber letztendlich sorglos gegenüber dem Leben anderer.

Gier wurde schick, Egoismus war angesagt, und all das brachte Elend. Nationalismus ist eine Antwort drauf, erfundene Werte wie “Weisse Überlegenheit” sind wieder denkbar, weil die gemeinsamen gelebten Werte, die Ethik verlorenging und manche sie durch einfache, grobgeschnitzte, ersetzen will. (Sehr gute Lektüre in The Atlantic: The Making of an American Nazi)

Den unethischen Visionen der Nationalisten und Autokraten müssen wir etwas entgegensetzen, damit die Verführer keine Macht haben. Oft ganz einfach, wenn Nachbarn füreinander da sind, sich kennenlernen und offen und mit neugierigem Respekt miteinander gestritten werden kann. Wenn man eine gemeinsame Ethik lebt, für die man auch einsteht. Vor allem, wenn man eine Welt- und Lebensbejahung für alle teilt.

Viele Einwanderer erleben Deutschland, auch Europa, als grundsätzlich gut, aber in der Gemeinschaft und Nachbarschaftlichkeit, und in der Durchsetzung der Werte schwach. Eine gute Warnung. Und die geflohenen Menschen, die ich befreundete, können uns helfen wieder zu verstehen, wie die Gesellschaft auf dem Level der Gemeinschaft, der Nachbarschaft zu leben beginnt. Sie bringen dieses Wissen mit.

Ist doch klar: Wir dürfen mediterraner miteinander teilen, reden, leben, singen, tanzen, lachen, gastfreundlicher sein. Was wir mediterranen Kulturen voraus haben ist Ehrenamt, also Anderen, einer guten Sache ganz selbstlos dienen, während in vielen anderen Kulturen ausserhalb der eigenen, erweiterten Familie kein soziales Pflichtbewusstsein da ist.

Beides zusammenbringen: Herzliche, familiäre Nachbarschaft und füreinander Sorgen, und eine Selbstlosigkeit denen gegenüber, die am Rand der Gesellschaft verloren gehen können. Das ist Ehrfurcht vor dem Leben, eine, die einen selbst auch erfüllt. Und ist man selbst erfüllt, lebt man auch gelassener und muss andere nicht verantwortlich machen für die eigenen Probleme. Das ist wahrer Reichtum.

Praktische Umsetzung:

Persönlich durch regelmässige Meditation erden, dann ähnlich wie in der griechischen Antike in Demokratrieclubs 1-2mal im Monat  für 1-3 Stunden diskutieren, in Runden zu 5-60 Menschen. An öffentlichen Orten, in der Nachbarschaft, in Hausgemeinschaften, am besten im Kiez. Austauschen, jeden anhören mit Ängsten oder Wünschen, Nachfragen, und eine gute Streitkultur des gegenseitig Lernens entwickeln. Soll reihum moderiert werden von jung und alt, neu und alteingesessen.

Also nicht Talkshows, nicht politische Vertreter oder Redenschwinger und keine Meinung, die halt so ist, sondern Erfahrung und Wünsche teilen, gute Argumente, Lernen, alle Fragen zulassen. Solche Debattier-und Frageclubs angeleitet und moderiert mit klaren ethisch relevanten Themen, die vorher festgelegt wurden. Pflichtprogramm für Politiker zum Mithören.

Wir haben ein großes, kaum genutztes Potential voneinander zu lernen. Woran es uns mangelt, ist die Übung und die gemeinsamen Werte auch durchzusetzen, vor allem die unverhandelbaren wie Rede- und Religionsfreiheit, Gleichstellung, die unantastbare Würde des Menschen. Immigranten und die sich ausgeschlossen fühlen, schaffen oft Ghettos ihrer Kultur, in denen plötzlich eigene Gesetze gelten. Ob Ehrenmorde, Islamismus oder Angriffe auf Flüchtlingsheime, die Gesellschaft ist nur so stark wie sie ihre Ethik und ihre Werte verteidigt. Und am Ende sind es nur ganz wenige, die wirklich zerstören wollen, der Rest zieht meist nur mit, weil sie eine Leere empfinden, wo eine starke Gemeinschaft sein sollte, in der alle gehört werden.

Ich bin Optimist. Wir müssen nur täglich und rechtzeitig was tun. Unser ganze Panikgesellschaft, die jeden ständig irgendwo arbeiten sehen will, um Selbstwert zu generieren, braucht einfach Zeit für Kultur, Gespräche, Zuhören. Und Humor. Im Refugio haben wir eine neue Kultur begonnen miteinander zu leben, nicht nur Ankommer und Einheimische. Wir habe uns Zeit genommen zusammen zu kochen, zu essen, zu weinen und offen über wichtige Herzensdinge zu sprechen wie Frieden, Respekt, Liebe, Gemeinschaft. Wir haben es oft geschafft, dass jeder aussprechen kann, was ihn oder sie bewegt und kein Gefängnis der eigenen Gefühle und Gedanken entsteht.

Schweitzer war auch optimistisch: “Aus dem Denken kommender, vertiefter ethischer Fortschrittswille wird uns also aus der Unkultur und ihrem Elend zur wahren Kultur zurückführen. Früher oder später muß die wahre endgültige Renaissance anbrechen, die der Welt den Frieden bringt!” Yes! Albert Schweitzer nannte es Denken, ich würde Denken, Hören, Fühlen nennen. Der Wahrheit horchen und dem alles verbindenden Geist, göttlich und menschlich. Dem war auch Albert Schweitzer Zeit seines Lebens verbunden

Sven Lager aus dem Sharehaus-Lab

Nächste Folge: Interview mit Andreas Schlamm

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Themen der nächsten Forschungsblogs:

Lebendige Beziehungen, persönliche Lebensaufgabe finden, Rhythmen der Gemeinschaft, Absichtliche und unabsichtliche Spritualität, Absurde und erfolgreiche Gemeinschaften, Was kann Demokratie?, Dienen und Selbstbestimmung, Gegenseitige Integration, Wahrer Friede, Was Arbeit kann, …

*Forschung und Interviews sollen auch mit der Zeit auf Englisch erscheinen, wie alle unsere Veröffentlichungen.

Hier beginnt der neue Blog des Sharehaus-Labs.

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