Fragen an Andreas

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Andreas gehört zu den Menschen, mit denen man begeistert das scheinbar Unmögliche möglich machen kann. Am besten bei einer Flasche südafrikanischem Wein. Seinem Enthusiasmus und seiner Vision verdanken wir, daß das Sharehaus in Deutschland aufgebaut und in kurzer Zeit mit dem Refugio berühmt werden konnte. Andreas liebt im Leben draussen und im Team zu arbeiten, und hat einen Blick für das Potential in Anderen. Und er ist noch lange nicht ausgelastet, was sein eigenes visionäres und kreatives Potential angeht. Noch ein Grund mehr ihn auszufragen.

Andreas, wofür bist du dankbar?

Für meine Frau Inis, deren Liebe ich jeden Tag neu genieße. Für Familie und Freunde – langjährige Weggefährten genauso wie Menschen, die erst kürzlich Teil meines Netzwerks geworden sind. Für Türen, die sich öffnen, ohne dass ich Entscheidendes dazutun konnte. Für keltische Spiritualität. Für Musik. Dafür, dass ich viele Reisen unternehmen konnte, besonders nach Irland und Iona, Neuseeland und ins südliche Afrika. Für das Meer. Für Steve Jobs (Think different!) und Nelson Mandela. Für alle Südafrikaner*innen, denen ich begegnet bin, die auch heute noch Mandelas Vision von der Regenbogennation im Herzen tragen.

Was bewegt dich gerade? Was beschäftigt dich?

In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten hat unsere Gesellschaft einen außerordentlichen Modernisierungsschub erlebt. Smarte Technologien haben unsere Lebensweise sehr grundlegend verändert. Durch meine Tätigkeit bei der Berliner Stadtmission habe ich tagtäglich mit Menschen zu tun, die an den Segnungen der Moderne nicht im ausreichenden Maße teilhaben. Sie fühlen sich nicht nur subjektiv abgehängt, sondern sind es faktisch auch. Warum sind die Ressourcen dieser Menschen für die Gesellschaft nicht bedeutsam?

Ich persönlich habe stets von Individualisierung und Pluralisierung profitiert, aber sehe die Gesellschaft als Ganze an einem kritischen Punkt angekommen, denn noch mehr ICH und noch weitergehende soziale Ausdifferenzierung wirkt schädlich. Wie viele andere frage ich danach, was unsere Gesellschaft eigentlich im Kern zusammenhält; wohin und wer sie zukünftig steuert. Komplexe Herausforderungen sind nicht durch die einfache Antworten oder rückwärtsgewandte Konzepte zu bewältigen. Mehr denn je müssen wir unser Handeln an nachhaltigen Zielen orientieren und Dialog über die Grenzen unserer unterschiedlichen Lebenswelten hinweg fördern.

Was hast du in letzter Zeit gelernt, das wichtig war?

Ich habe in letzter Zeit mehrfach die Grenzen von Intrapreneurship erfahren. Das war schmerzlich – für mich, für andere.

Was hindert dich im Leben, oder sogar: woran verzweifelst du?

Was nervt: Gefüllte statt erfüllte Zeit. Informations-Overflow. Schlechte Organisation, durch die man viel Energie an der falschen Stelle verliert. Macht ohne ausreichende Kontrolle. Populismus. Fremdbestimmung.

Hinderlich ist auch, wenn ich es durch allzu viel Betriebsamkeit verlerne in Kontakt mit den eigenen Leidenschaften zu sein. Für mich geht das einher mit einem Qualitätsverlust meiner Beziehung zu Gott (Erkenntnis aus einem Fast-Burnout vor rund 20 Jahren).

Es gibt in jedem von uns viel schlummerndes Potenzial. Man braucht aber genügend Achtsamkeit, um es zum Leben zu erwecken. Ich finde das Zitat von Rainer-Maria Rilke genial: „Du musst Dein Ändern leben“. So heißt auch ein Film über den Klunkerkranich in Neukölln. Ich habe immer wieder Phasen in meinem Leben gehabt, in denen ich gespürt habe, dass etwas Neues wächst. Immer die verbunden mit der bangen Frage: Wird das, was in Deinem Kopf arbeitet und Dein Herz umtreibt, wirklich das Tageslicht erblicken? Wird das Eis halten, auf das ich mich begeben will? – Für mich auch eine Frage des Gottvertrauens.

Von wem hast du im Guten wie im Schlechten gelernt?

Die Antwort auf diese Frage fällt mir am schwersten. Klar – man lernt immer, sowohl durch gute als auch durch schlechte Erfahrungen. Eine der diffizilsten Fragen in der Pädagogik ist: Wie kann man Resilienz lernen; also Widerstandsfähigkeit oder die Kompetenz konstruktiv mit den Widrigkeiten des Lebens und mit Misserfolgen umzugehen?

Manches kann man nicht direkt vermitteln oder erlernen, insbesondere Haltungen. Resilienz gehört dazu. Es ist leichter Faktoren zu benennen, die Resilienz fördern und begünstigen, und den Blick darauf zu lenken, was einem Kraft gibt. Dies führt letztlich zurück zur ersten Frage: Wofür kann ich danken?

Rückblickend habe ich am meisten gelernt, wenn ich auf Widerstände gestoßen und ihnen nicht ausgewichen bin. Hard times make you strong.

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Was macht deinen Erfolg aus? (oder das, wo du dich erfolgreich fühlst)

Wie entsteht Erfolg? Zunächst halte ich es für essentiell die eigenen Begabungen zu kennen. Wichtig ist aber auch, dass die Systeme so gestrickt sind, dass Stärken tatsächlich zum Zuge kommen können. Der ´Nährboden` muss stimmen.

Erfolg setzt klare Ziele voraus. Erfolg entsteht durch Entschlossenheit, Beharrlichkeit und Fokussierung auf die Ziele. Durch harte Arbeit – vielleicht. Auch eine gewisse Strukturiertheit schadet nicht. Aber ohne emotionale Intelligenz geht es nicht. Soll heißen: Das richtige Gespür haben. Teamplay, innere Verbundenheit mit Anderen. Auf das eigene Herz hören. Wie schon gesagt: In Kontakt sein mit der eigenen Leidenschaft.

Was willst du noch lernen oder was sind deine Fragen ans Leben?

Zunächst einmal ist es wichtig überhaupt lernen zu wollen. Wer nicht mehr lernen will, hat aufgehört zu leben. Fragen, die mich interessieren: Wie gehen wir mit Menschen um, die unsere liberale Moderne von innen oder außen zerstören wollen? Wie können Frieden und Versöhnung wachsen zwischen Gruppen, die sich feindlich gesinnt sind? Woran erkenne ich den richtigen Zeitpunkt die Verantwortung in andere Hände zu legen?

Was kannst du gerade teilen von dir und von dem was du hast?

Ich teile sowohl materielle (Geld) als auch immaterielle Dinge (Zeit, Ideen) mit Anderen.

Was macht eine echte Gemeinschaft für dich aus?

Ich habe bereits zwölf Jahre in einer christlichen Community im ländlichen Niedersachsen gelebt. Entscheidend für meine Wahl war Leben, Spiritualität und Arbeiten ganzheitlich miteinander verbinden zu können. Ich bin Idealist und arbeite gern und viel für das, was mir am Herzen liegt. Gleichzeitig brauche ich Zeitsouveränität. Eine Gemeinschaft ist dann für mich attraktiv, wenn sie mir beides bietet.

Gemeinschaft ist kein Selbstzweck, sondern braucht ein Ziel, für das sie sich einsetzt. Braucht eine Gemeinschaft einen charismatischen Leiter? Wenn Charisma bedeutet, über Grenzen hinweg, also visionär denken oder als Nachfolger eines Gründers eine bereits vorhandene Vision lebendig erhalten und weiterentwickeln zu können, dann ja.

Was ist ein Sharehaus für dich ganz persönlich? Wie sähe es aus?

Ich habe 2013 zum ersten Mal vom Sharehaus in Südafrika gelesen. Mich hat es von Anfang an immer an die erste christliche Gemeinde in Jerusalem erinnert, von der die Apostelgeschichte berichtet. Ihr Reichtum lag im Teilen. 2014 starteten wir das erste Sharehaus in Deutschland, in Kreuzberg. Du nanntest es „Werkstatt für himmlische Gesellschaft“. Es gibt für mich keine zutreffendere Beschreibung als genau das. Das Sharehaus ist gelebte Utopie, ein Experimentierfeld. Ein Labor für eine solidarische Gesellschaft. Im Sharehaus inspirieren und unterstützen sich die Menschen gegenseitig durch ihre vielfältigen Lebensgeschichten.

Ist da eine Vision für dein Leben, die du vielleicht sogar schon als Kind hattest?

Ich bin auf dem Land aufgewachsen und hatte eine schöne Kindheit, aber als Kind konnte ich über Berufswünsche wie Förster oder Busfahrer nicht hinausdenken. Da war also nichts Visionäres. Was geblieben ist, ist die Liebe zur Natur und meine Reise-Leidenschaft.

Für mich gibt es nicht die eine Vision, die ich beharrlich verfolge. Das Spektrum meiner Interessen ist recht vielschichtig. Ich kann mich für vieles begeistern. Ich bin ein initiativer, unternehmerischer Typ. Ich träume aktuell z.B. davon ein Gründerzentrum für kirchliche Startups aufzubauen.

Was glaubst du über das sichtbare Leben hinaus? Was ist deine Spiritualität?

Ich bin evangelisch getauft und konfirmiert, aber in meinem Elternhaus spielte der Glaube im Alltag keine Rolle. Mit 17 Jahren wurde überraschend mein Interesse am christlichen Glauben geweckt. Freunde schleppten mich in eine kirchliche Jugendgruppe mit. Ich begann die Bibel zu lesen, aber so kritisch hinterfragend, wie ich im Deutsch-Unterricht mit Literatur umzugehen gewohnt war. Irgendwann war ich frustriert, wollte den christlichen Glauben ad acta legen. Es änderte sich, als ich mich mit einem Mitglied der Gemeindeleitung immer freitags um 18.30 Uhr zum Beten im Büro seiner Tischlerei traf. Langsam kam ich dem Geheimnis des Glaubens auf die Spur und begriff: Wer sich nicht mit Haut und Haaren auf Jesus Christus einlässt, dem ist es nicht möglich über die vordergründige Wirklichkeit hinauszusehen. Ich will hier jetzt nicht in einen Predigtstil verfallen, aber ich lernte mit den Augen des Herzens zu sehen. Von da an machte ich Entdeckungen in der Bibel, die mir vorher verborgen geblieben waren. Glaube beginnt immer mit einer persönlichen Erfahrung. Wer sie noch nicht gemacht hat, dem werden Christen vermutlich immer ein wenig seltsam vorkommen.

Es gibt leider viele Christen, die verbringen ihr Leben in einer Art christlichem Paralleluniversum. Ihr soziales Netzwerk beschränkt sich auf Leute aus ihrer Gemeinde. Das konnte ich noch nie ab. Schon als Jugendlicher hatte das Nachtleben eine viel zu große Anziehungskraft auf mich. Eine Spiritualität ohne Zuwendung zur Welt, ohne echte Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen ist für mich hohl. Ich habe immer sehr viel gelernt, weil ich mich nicht nur unter Gleichgesinnten aufgehalten habe und in andere Lebenswelten eingetaucht bin.

Die Liebe gewinnt am Ende, glaubst du das?

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Was liebst du an Gott?

Dass man ihm überall begegnen kann. Dass er an mich glaubt, trotz aller inneren Abgründe. Gott ist für mich: Heilsame Kraft. Unergründliche Tiefe. Bedingungslose Liebe. Gelassenheit und heilige Unruhe gleichzeitig. Quelle von Kreativität.

Ps. Hier die Apple Kampagne Think different von 1997 die mich immer noch inspiriert:

An alle, die anders denken:

Die Rebellen,

die Idealisten,

die Visionäre,

die Querdenker,

die, die sich in kein Schema pressen lassen,

die, die Dinge anders sehen.

Sie beugen sich keinen Regeln,

und sie haben keinen Respekt vor dem Status Quo.

Wir können sie zitieren, ihnen widersprechen, sie bewundern oder ablehnen.

Das einzige, was wir nicht können, ist sie zu ignorieren,

weil sie Dinge verändern,

weil sie die Menschheit weiterbringen.

Und während einige sie für verrückt halten,

sehen wir in ihnen Genies.

Denn die, die verrückt genug sind zu denken,

sie könnten die Welt verändern,

sind die, die es tun.

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